Jugend und Gewalt
Öffentliche Erklärung der JugZ gGmbH zum Thema
„Die Gewaltkriminalität legt weiter zu” lautet die Überschrift der Titelseite im KStA vom 01.03.07
1 und der „Brennpunkt Köln” wird in weiteren und fast täglich neuen Artikeln eingehend
beschrieben unter dem Titel: die „Gewaltkriminalität von Jugendlichen in rheinischen Großstädten nehme
beunruhigende Ausmaße an”.
Fachleute und Politiker nehmen Stellung und mancher wünscht sich schnelle Lösungsvorschläge.
Im Interesse einer Versachlichung des Problems weisen wir auf folgende Aspekte hin:
1. Wer ist zuständig?
Wenn von Jugendarbeit die Rede ist, wird meist die Sozialarbeit und Jugendsozialarbeit und insbesondere der
Allgemeine Soziale Dienst (ASD) der Stadt Köln nach §§ 27 und 13 SGB VIII gemeint. Dieser hat im Rahmen der
Einzelfallhilfe und Bündelung der anderen sozialen Dienste, der Polizei und der Staatsanwaltschaft die
Kompetenz zur Arbeit mit den in der letzten Zeit bekannt gewordenen jugendlichen Straftätern.
Jugendliche Intensivtäter lassen sich mit den Mitteln von Jugendarbeit - hier insbesondere der Offenen
Jugendarbeit in sog. Häusern der Jugend - nicht bearbeiten.
Wir lehnen es an dieser Stelle ab, für eine gewalttätige Jugend verantwortlich gemacht zu werden und
fordern Polizei, Politik und Öffentlichkeit auf, die Bearbeitung dieses Themas nicht durch pauschale
„Schuldzuweisungen” an die Jugendarbeit unnötig zu belasten. Unser Metier ist die Prävention!
An den Mitteln für Prävention ist leider seit 1993 massiv gekürzt worden, zuletzt im Jahre 2003 mit dem
Abbau von weiteren Standorten und Planstellen. Es gibt in Köln ca. 268 Stadtviertel und nur 59
Jugendeinrichtungen. Der präventive Ansatz ist also von einem flächendeckenden Konzept weit entfernt.
Es ist somit deutlich, dass die präventive Jugendarbeit mit der Zunahme von Jugendgewalt nicht in einer
guten Balance stehen kann.
2. Gibt es aus unserer Sicht eine Zunahme von Gewalt bei Jugendlichen?
Die Statistik der Polizei erfasst vor allem „Tatverdächtige” es wird leider nicht erfasst, ob und zu welcher
Verurteilung es später kommt. Ungeklärt ist daher die Frage, ob der Anstieg der Gewaltdelikte durch eine
höhere Wachsamkeit der Bevölkerung und Polizei zurückzuführen ist. 2
Wir sind also alle auf „gefühlte” Werte und Meinungen angewiesen.
Eine Mitarbeiterbefragung bei unseren 22 Jugendeinrichtungen in Trägerschaft der JugZ gGmbH ergab folgendes
Bild: Das Potential der Gewalt unter Jugendlichen ist in allen Jugendeinrichtungen gestiegen.
Die Zunahme betrifft Gewalt
- gegen Menschen (insbesondere gegen Jüngere und Schwächere) genau so, wie
- Gewalt gegen Sachen (Zerstörungen, Diebstähle, wie das „abrappen” - die unter Drohungen abgepresste Übergabe von Eigentum) und
- verbale Gewalt (Rücksicht und Respekt vor Niemandem)
Dabei schneiden die Stadtteile mit finanziell besser gestellten Bewohnern keinesfalls besser ab. Es gibt
aus der Sicht der Mitarbeiter der JugZ keinen „friedfertigen” Standort mehr.
Allerdings unterscheiden wir in Gewaltpotenzial und Gewalttat. Im geschützten Raum der pädagogisch
begleiteten Jugendeinrichtung wird das Gewaltpotenzial bearbeitet. Wir arbeiten mit den Elementen und
Methoden wie
- Peer to peer
- Partizipation (Erarbeitung von einrichtungstypischen Modellen)
- Mediation und Streitschlichtung
- Selbstorganisation der Jugendlichen
- Stärkung der Kinder und Schwächeren in Auseinandersetzung
- Angebot von interessanten Alternativen, die auch noch Spaß machen
Übereinstimmend sagen die Fachkräfte aus der Jugendarbeit:
Innerhalb unserer Einrichtungen kommt es nicht zu relevanten Gewaltausbrüchen, die Auseinandersetzung
zwischen uns und den Jugendlichen lohnt sich und ist erfolgreich!
Anders sieht es aus, wenn die Jugendlichen den betreuten Einfluss der Jugendeinrichtung verlassen. Das
Gewaltpotenzial und die Gewalttaten im Lebensumfeld der Jugendlichen steigen. Auch aus Sicht vieler
Jugendlicher selbst, ist ein Klima entstanden, in dem „man sich keine Schwäche erlauben kann”, wenn man
sein Handy oder die schöne Jacke behalten will. Es erscheint somit „klüger”, als Erster zuzuschlagen, als
nachgiebig zu sein.
3. Interpretation der JugZ gGmbH
Solange ein neues Klima der Friedfertigkeit, der Toleranz und des Respekts nicht in einer konzertierten
Aktion aller Verantwortungsträger im Stadtteil entsteht, wird es für jeden einzelnen Jugendlichen
risikobehaftet bleiben, sein neues, im Jugendzentrum oder Schule gelerntes Verhaltensrepertoire im
Wohnumfeld auszuprobieren.
Auch wir haben keine Allheilmittel, aber Wünsche zur Verbesserung:
- Bessere Zusammenarbeit der sozialen Dienste (ASD) mit uns
- Regelmäßige Arbeitsgruppen mit Polizei und Staatsanwaltschaft
- Schnellere und anlassbezogene Reaktion auf die Tat (keine „Sammelverurteilung”
für diverse Straftaten und Verfahren spätestens drei Wochen nach der Tat)
- Mehr Beteiligung und Schulung von Eltern und Familien
- Systematisierte Zusammenarbeit mit Schulen (regelmäßige gemeinsame Treffen)
- Veranstaltungen im Sozialraum von Polizei, Politik, Jugendarbeit, Verbänden etc. unter dem Thema „Respekt”
- Einrichtung von Streetworker oder „task-force” Stellen im Stadtteil
- Aufstockung der Mittel im präventiven Bereich
Fußnoten:
H. Tutt und T. Stinauer in Kölner Stadt-Anzeiger KStA vom 01.03.07
Prof. Michael Walter, Direktor des Institutes für Kriminologie, Köln, in KStA v. 1.3.07
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